Bericht von Hermann Rauber über seine Tätigkeiten 1990-1995
Am 25. September 1990 kurz nach dem Sturz des rumänischen Präsidenten Nicolaie Ceausescu (23.12.89), startete ich das erste Mal mit einem Hilfstransport nach Rumänien. Es war eine anspruchsvolle, und viel Geduld fordernde Reise. Besonders die sehr schlechten Strassen machten mir viel zu schaffen. Auch am rumänischen Zoll brauchte es viel Nerven. Musste ich doch über fünf Stunden warten, bis ich die Grenze Ungarn-Rumänien durchfahren konnte. Ich musste bei meinen späteren Fahrten zwar erfahren, dass dies eine sehr kurze Wartezeit war. Musste ich doch manchmal bis zehn Stunden und mehr meine Zeit am Zoll durchschlagen.
Bei der Verteilung der Hilfsgüter in der Umgebung von Sibiu/Talmaciu kam ich mir vor wie der Weihnachtsmann. Die Hilfspakete gefüllt mit Kleidern und Lebensmittel wurden mir fast aus den Händen gerissen. Ich war erschüttert, welch grosse Not in diesem Lande herrscht. Für mich war sofort klar, dass ich weitere Hilfsgüter in dieses Land bringen muss.
Als ein Berufskollege von meinem Einsatz in Rumänien erfuhr, erklärte er mir, dass das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen die Patenschaft von Kinderheimen in Bukarest und Umgebung übernommen habe. Die misslichen sanitären Einrichtungen in diesen Kinderheimen, wo jeweils ca 200 Kinder im Alter von 4-18 Jahren wohnen, sollten erneuert werde. Er meinte, dass ich der richtige Mann für diese Arbeit sei. Für mich, dem dieses Elend und die traurigen Zustände wohl bekannt waren, stand einer Zusage nichts im Wege. Das Problem war nur, mit wem ich diese Arbeit bewältigen könne. An einer Besprechung mit dem Schweizerischen Spenglermeister- und Installateur- Verband kamen wir auf die Idee, die Mitglieder unseres Verbandes anzufragen, ob sie bereit wären, einen Lehrling für 14 Tage für einen Einsatz in Rumänien zur Verfügung zu stellen. Spontan meldeten sich 70 Lehrmeister, die je einen ihrer Lehrlinge für diese sinnvolle Arbeit frei gaben.
So flog ich erstmals am 12. August 1991 mit 14 Lehrlingen, zusammengewürfelt aus der ganzen Schweiz nach Rumänien. Für die meisten Lehrlinge war dies das erste Mal dass sie aus der Schweiz kamen und auch in einem Flugzeug sassen. Nach zwei Stunden Flug, stand uns noch eine einstündige Fahrt mit einem Kleinbus und Taxi bevor.
Das Heim im Bauerdörfchen „Hotarele“ ca. 50 km südlich von Bukarest, und ca 40 km von der Grenze Bulgarien entfernt, welches wir als erstes in Angriff nahmen, war in einem katastrophalen Zustand. Ueber 150 Kinder, Buben und Mädchen zwischen 4 und 18 Jahren, wohnten in einem Haus, wo kein Wasser war, kein WC funktionierte und auch die Schlafgelegenheit war alles andere als menschenwürdig. Die zwei schönsten uns zugewiesenen Zimmer, wurden von den Lehrlingen mit einigen Bedenken bezogen. Es war halt nicht wie zu Hause. Nach einem spärlichen Abendessen (Linsenmus und ein Glas Wasser), berieten wir, was am Morgen zu machen war. Vor lauter Arbeit wussten wir gar nicht wo anfangen. So bildete ich Gruppen von je zwei Lehrlingen, die am anderen Morgen diese grosse Arbeit in Angriff nahmen. Eine Gruppe musste erstmals eine Klosettanlage installieren, eine andere schauen, dass Wasser ins Haus kommt. Denn bis jetzt konnte man das Wasser nur mit einem Kübel aus einem ca. 13 Meter tiefen Loch holen. Eine andere Gruppe installierte eine Waschgelegenheit für uns und die Kinder. Eine Duschanlage im Freien, mit einem Gartenschlauch und vorn einer Giesskannenbrause, war unsere neue Waschgelegenheit. Eine weitere Gruppe beschäftigte sich unter Mithilfe der Heimkinder, mit dem Abbrechen der alten sanitären Installationen. Es war bedenklich in welchem Zustand diese WCs waren, vom Gestank gar nicht zu reden. Ich war erstaunt mit welchem guten Willen diese Lehrlinge sich ins Zeug legten. Nachdem wir eine Grundwasserpumpe, von der Schweiz mitgenommen, installiert hatten, und dadurch Wasser im Haus war, konnten wir mit den Inneninstallationen beginnen. Sämtliche Installationsmaterialien und Werkzeuge haben wir von der Schweiz mitgenommen, da in Rumänien nichts vorhanden war.
Die jugendlichen Heimkinder halfen sehr fleissig mit. Nur mit einer Hose bekleidet, ohne Schuhe und Hemd, trugen sie den Schutt aus dem Hause. Ein verwundeter, blutender Fuss hinderte diese Kinder nicht tatkräftig mitzuhelfen. Die strenge Arbeit gab natürlich auch viel Hunger und Durst. Aber der Hunger war für manchen nicht mehr so gross, als das Essen aufgetragen wurde. Eine sehr dünne Suppe, Tomaten und ein undefinierbares „Mues“, sowie ein Glas Wasser. Ein Lehrling fragte mich, wann es Dessert gebe. Ich sagte ihm, in 14 Tagen in der Schweiz. Am Abend suchten die Lehrlinge verzweifelt einen Lebensmittelladen, wo sie noch etwas einkaufen könnten. Es gab in diesem Dorf nur einen Laden, aber aussen Kaugummi Coca-Cola und Bier (in Büchsen) war nichts von Lebensmittel zu sehen und zu kaufen. Ich erlaubte den Burschen pro Tag zwei Bier zu kaufen, was sie auch taten. Der Umsatz an Bier in diesem Laden war enorm, wurden doch alle Tage 30 Büchsen Bier gekauft und das 14 Tage lang. Für den Ladenbesitzer war dies ein gutes Geschäft. Er bestätigte uns dies, indem er am Abreisetag uns noch bis zum Flughafen (50km) begleitete.
Nach 14 Tagen vollem Einsatz, konnten wir doch schon sechs WC-Anlagen fünf Waschtröge und vier Duschen zum Gebrauch übergeben. Es war eine grosse Freude für die Kinder, endlich einmal wieder zu duschen, und auf ein WC gehen zu können. Beim Abschied gab es dann doch noch bei einigen Lehrlingen Tränen in den Augen. Auch schenkten einige Lehrlinge spontan ihre Kleider und Schuhe die sie im Koffer hatten, den Jugendlichen in diesem Heim.
Alle waren froh, wieder nach Hause in die gute Schweiz zu kommen. Auch ich freute mich wieder einmal so richtig zu duschen und etwas Gutes zu essen.
Einige Lehrmeister waren erstaunt, welch grosse Wandlung ihr Lehrling in diesen zwei Wochen gemacht hat. Es war ein guter Anschauungsunterricht für diese jungen Männer, sahen sie doch eins zu eins, was der Kommunismus und eine falsche Regierung, alles anrichten kann.
Meine dreiwöchige Urlaubszeit in der Schweiz war nur allzu schnell vorbei, und schon startete ich wieder mit einer neuen Gruppe von zehn Lehrlingen nach Rumänien. So ging es fünfmal, mit insgesamt 70 Lehrlingen aus der Schweiz, bis wir in drei Kinderheimen, auch zwei davon in Bukarest, mit je ca 200 Kindern, alle Installationen neu gemacht haben .
Ein Betreuer, Namens Stephan Büchi, der vom Kinderdorf Pestalozzi seit dem Jahr 1992 in Rumänien stationiert ist, überwacht und instruiert die Angestellten aller drei Heime in Rumänien. So kann ich bei meinen Besuchen, alle Jahre drei mal mit Beruhigung feststellen, dass alles in bester Ordnung ist.
