Päckli-Aktion - Was Hermann Rauber und Charly Stoecklin auf ihrer Tour erlebt haben



Ein "Multumesc" für Rauber



17. November 2007 (Zürichsee-Zeitung) Seit dem Ende des Kommunismus ist in Nordrumänien zwar einiges besser geworden. Doch die Bevölkerung hat immer noch elementare Sorgen, wie ein Augenschein vor Ort zeigt. Lucien Scherrer, Ruscova

Bild links; Gute Taten unter Draculas Augen: Hermann Rauber verteilt die in Uetikon gesammelten Päckli in einer rumänischen Schulklasse. (Anna Moser)

Bild rechts; Weihnachtsmann ohne Kutte: Der 74-jährige Rauber, selber vierfacher Vater, freut sich über die Wirkung seiner Geschenke. (Lucien Scherrer)

"Nelutu, Du bleibst hier beim Wagen, damit nichts geklaut wird", sagt Hermann Rauber, als der Lastwagen um neun Uhr morgens vor der ersten Schule in Repedea hält. Der Zigeuner nickt. Er hat bereits die eisige Nacht durchwacht - und dafür gesorgt, dass sich keine ungebetenen Gäste aus Hermann Raubers Hilfsgüter-Transport bedienen. Inzwischen stapfen Raubers Helfer über den schneebedeckten Lehmboden vor dem Klassenzimmer, auf dem einige Hühner nach Körnern picken. Auf dem Nachbargrundstück sind eine Frau und zwei Männer damit beschäftigt, eine Sau zu schlachten. Der abgeschnittene Kopf liegt im Schnee, während die Gedärme auf einem Holztisch in der kalten Luft dampfen. Ein Hund kaut an einem blutigen Stück Fleisch herum.

Die Häuser sind zum Teil nicht fertig gebaut – und werden trotzdem längst bewohnt. Im Hintergrund die Hügel der Maramures-Region. Die Lehrerin will den Unterricht offenbar nicht unterbrechen - und lässt ein Mädchen Sätze in kyrillischer Schrift an die Wandtafel schreiben, obwohl die Unruhe im Saal überhand nimmt, als die Pakete verteilt werden. Das Klassenzimmer ist spartanisch eingerichtet: Von der Decke hängen nackte Glühbirnen, der Boden besteht aus groben Holzdielen. An der Fensterwand hängt eine Karte, auf der die Köpfe jener Fürsten abgebildet sind, die in den vergangenen Jahrhunderten in der Provinz Maramures das Sagen hatten. "Vlad Tepes", flüstert die Lehrerin den Journalisten zu und zeigt auf einen schnauzbärtigen Fürsten, der nicht sonderlich gütig aussieht. Tatsächlich handelt es sich bei Tepes - zu Deutsch "der Pfähler" - um den berühmtesten Rumänen aller Zeiten: Er diente als Vorlage für die Romanfigur Dracula.Die Kinder haben anderes im Kopf als Despoten, die ihre Gegner aufspiessen liessen: Sie reissen unter Geschrei die Schachteln auf und freuen sich über Schokolade, Shampoo, Stoffesel, Nashornpuzzles oder Kartenspiele. Auch das Mädchen an der Wandtafel wird nun endlich erlöst und darf ein Geschenk in Empfang nehmen. Drinnen, im Klassenzimmer, rutschen die Kinder unruhig auf ihren Stühlen umher. Sie tuscheln und werfen den Fremden mit den gelben Paketen verstohlene Blicke zu. "Buna ziua" (Guten Tag), rufen sie im Chor.

Zwei Stunden Schulweg

Vor dem nächsten Schulhaus werden die Pakete direkt ab der Lastwagenrampe verteilt. Die Schüler, die sich auf dem Pausenplatz balgen, werden von den Lehrern angewiesen, in Zweierkolonnen anzutreten. Die vordersten nehmen militärische Haltung an. "Es braucht ein wenig Organisation", sagt ein Mann mit Trainingsanzug und Wollmütze. Er stellt sich als Alexandru Miculaiciul, Turnlehrer, vor. Während Hermann Rauber lächelnd Pakete an die Kinder verteilt, gibt ihnen der Turnlehrer Anweisungen: Sie sollen sich mit einem "Danke" erkenntlich zeigen, statt mit einem rumänischen "Multumesc". Die Kinder ziehen es jedoch vor, ihre Dankesworte weiter auf Rumänisch zu murmeln. Der Turnlehrer seufzt. Viele Kinder seien wegen dem nächtlichen Schneefall gar nicht in der Schule erschienen. "Die wohnen zu weit weg", sagt Miculaiciul und weist in die verschneiten Hügelketten, "sie brauchen zwei Stunden, bis sie hier sind". Seit dem Ende von Nicolae Ceausescus Regime sei zwar vieles besser geworden, räumt der Sportlehrer ein. "Aber wir haben an unserer Schule zahlreiche Talente, die keine Chance haben, weiterzukommen." Für die meisten Eltern sei es schlicht zu teuer, ihren Kindern eine Weiterbildung zu finanzieren. Sie könnten froh sein, wenn sie ihren Nachwuchs überhaupt ernähren könnten. "10 bis 15 Kinder sind hier keine Seltenheit", sagt der Rumäne, "verstehst Du?".

Bürgermeister hat's versprochen

Miculaiciul, der in Ruscova 250 Euro im Monat verdient, bessert seine Finanzen wie viele andere Rumänen im Ausland auf. In den Sommerferien arbeitet er in Deutschland. Dort verdient er das Zehnfache. Nächstes Jahr soll auch in Repedea einiges besser werden. "Das Schulhaus wird durch einen Neubau ersetzt", erzählt Alexandru Miculaiciul. Dann bekomme er statt dem holprigen Lehmfeld endlich einen richtigen Trainingsplatz. Das jedenfalls habe der Bürgermeister angekündigt. "Ja ja, sagt Hermann Rauber, "nächstes Jahr, das sagen sie immer. "Und dann bleibe doch alles beim Alten.


Bilder, die für sich sprechen: Glücksmomente an einem Wintertag im Dorf Repedea.

Kinderreiche Familien Familien mit einem guten Dutzend Kinder sind in der Maramures-Region, im äussersten Norden Rumäniens nahe der ukrainischen Grenze, keine Seltenheit. Gründe dafür sind teilweise religiöser Art, etwa bei den Mitgliedern der Pfingstgemeinde, denen Verhütung untersagt ist. Bis es 18-jährig ist, erhält die Familie für jedes Kind eine monatliche Rente von 10 bis 15 Franken. In der Regel gehören zu einer Familie drei bis fünf Kinder. (amo)