Päckli-Aktion - Unterwegs in Ungarn mit dem Rumänien-Transport aus Uetikon

"Es packt jeden, der mitkommt"


15. November 2007 (Zürichsee-Zeitung) Ganze Tage verbringen Hermann Rauber und Charly Stoecklin hinter dem Lenkrad eines Lastwagens, um Pakete nach Rumänien zu bringen. Was treibt die beiden "Weihnachtsmänner" an?

Anna Moser / Lucien Scherrer, Budapest


"Endlich wieder einmal Kilometer fressen", sagt Charly Stoecklin, als er auf einer Raststätte in der Nähe von Budapest aus dem Lastwagen steigt. "Herrlich." Der Berufsfeuerwehrmann aus Männedorf war vor Jahren als Camioneur durch ganz Europa getingelt. "Das war eine gute Zeit", sagt er bei einer Tasse Kaffee, "ich habe viel gesehen und eine Menge Leute kennengelernt." Deshalb habe er auch sofort zugesagt, als ihn Hermann Rauber gefragt habe, ob er ihn nach Rumänien begleite. Dass er seinen Einsatz unentgeltlich und in seiner Freizeit leistet, ist Stoecklin egel: "Hauptsage, es geht wieder los." Rauber, der neben ihm Platz genommen hat, nennt seinen Kollegen scherzhaft "mein Privatchauffeur". Tatsächlich wechseln sich die beiden auf der rund 1600 Kilometer langen Strecke von Uetikon nach Ruscova ab.

Maximal viereinhalb Stunden dauert eine Schicht hinter dem Lenkrad des 23-jährigen Volvos. Das verlangt das Gesetz. "Alleine könnte ich das nicht machen", sagt Hermann Rauber, der jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit nach Rumänien fährt, um Geschenke an Kinder zu verteilen. Allein an diesem Mittwoch gilt es knapp 500 Kilometer zu bewältigen - quer durch Ungarn, von der österreichischen an die rumänische Grenze

Weiterhelfen - trotz der EU?

Rauber, der immerhin 74 Jahre auf dem Buckel hat, war vor seiner Abreise beim Arzt. Der hat ihm zwar bescheinigt, dass er seinen Lastwagenführerschein für mindestens zwei weitere Jahre behalten dürfe. Doch die Frage steht im Raum: Wie lange wird Hermann Rauber seine Fahrten gen Osten noch weiterführen? Er wiegt nachdenklich den Kopf. "Solange die Leute so viel Ware bringen, sehe ich kein Ende." Doch die Uetiker und alle anderen Spender zuhause in der Schweiz sind nur eine Seite. Die andere Seite sind die Rumänen, seit 1. Januar dieses Jahres Bürger der Europäischen Union. Wie lange wird die Unterstützung aus dem Westen noch notwendig sein? Hermann Rauber scheint die EU - zumindest vorerst - egal zu sein. "Wisst ihr, was die Familien in Ruscova pro Monat verdienen?" 23 bis 70 Euro seien es blo9ss. "Diesen Leuten will ich helfen", sagt Rauber, und es klingt beinahe trotzig. Am 26. September 1990 sei er zum ersten Mal "runtergefahren", erzählt der Uetiker. Das vergisst er nicht mehr. Im Januar jenes Jahres hatte er sein Sanitärgeschäft verkauft. Er war 57 Jahre alt - "und auf einmal ist es einem langweilig". Die Ostmission in Bern suchte damals einen Kurier für ihre Hilfstransporte. Rauber sagte zu. Zusammen mit einem pensionierten Piloten fuhr er Hilfsgüter und 900 Bibeln nach Rumänien. "Dort habe ich dieses Elend gesehen", sagt Hermann Rauber - und spricht dann lieber wieder von den anderen als von sich selbst: "Es packt jeden, der einmal mit mir mitkommt. Jeder fragt sich: "Wie kann man helfen?"

"Nicht jeden Fünfer umdrehen"

Nach dem ersten Besuch in Rumänien habe das eine das andere ergeben. Rauber berichtete an einer Generalversammlung des Hauseigentümerverbands Meilen vom Erlebten - "noch heute werde ich auf diesen Vortrag angesprochen" -, und die Leute begannen ihm Güter zu bringen. Er erhielt in Uetikon eine Scheune zur kostenlosen Benutzung und investierte selber eine Stange Geld. Das "Hilfswerk" war geboren. Hilfswerk in Anführungszeichen: Rauber hat keinen Verein, keine Statuten, keine Vorstandssitzungen. Seine Hilfe sei ein private Initiative, betont er. "Ich will nicht jeden Fünfer umdrehen müssen, sondern schnell und unbürokratisch helfen, wo es nötig ist." Die, die es besonders nötig haben, kennt er inzwischen gut. Und er wird sie schon bald wiedersehen: Heute Donnerstag, um die Mittagszeit, soll der Lastwagen in Ruscova eintreffen. - Als Charly Stoecklin hinter dem Lenkrad Platz nimmt und den 10-Zylinder-Dieselmotor startet, zeigt er ein breites Grinsen. Seine "Schicht" dauert noch eine Stunde.