Wie Hermann Rauber nach Rumänien kam
September 2003 (Uetiker Blickpunkt)"Osteuropamission" steht auf dem Lastwagen, der sechs Mal im Jahr jeweils für vier Tage an der Tramstrasse in Uetikon steht. Was dahinter steckt, erzählt Hermann Rauber dem UB-Redaktor Richi Reich.
Hermann Rauber gehört zu den markanten Persönlichkeiten Uetikons. Man kennt ihn als Brunnenmeister, Schulpfleger, Revisor beim Hauseigentümerverein und Inhaber einer Sanitärfirma. Nachdem feststand, dass niemand aus seiner Familie die Firma übernehmen würde, entschloss er sich mit 58 Jahren, alles zu verkaufen.
Plötzlich blieb ihm viel Zeit, Zeitungen, Drucksachen und Anfragen genauer zu lesen. Dabei stiess er auf einen speziellen Hilferuf: Gesucht wurde ein Kurier, der Hilfsgüter nach Rumänien zu transportieren hatte. Das reizte den passionierten Autofahrer. Und so fand er sich, zusammen mit einem ehemaligen Swissairpiloten, am 25. September 1990 am Steuer eines Nissan Patrol auf dem Weg nach Talmaciu, in der Nähe von Sibiu, zu Deutsch "Hermannstadt"; Hermann auf dem Weg nach Hermannstadt, ein Fingerzeig?
"Wohl war Ceausescu im Dezember 1989 gestürzt worden, und trotzdem durften wir nirgends eine Notiz über unsern Zielort mitführen", erinnert sich Hermann Rauber, "die Adresse hatten wir im Kopf zu behalten, denn die Furcht vor Repressionen sass noch tief." Ueber holprige Strassen und mit fünf Stunden Wartezeit am ungarisch-rumänischen Zoll erreichten sie endlich die Missionsstation in Talmacio, wo sie die Hilfsgüter abliefern sollten.
Die Armut und Mittellosigkeit beeindruckten und erschütterten die beiden Schweizer tief. Die Hilfspakete, gefüllt mit Kleidern und Lebensmitteln, wurden ihnen beinahe aus den Händen gerissen. Die Häuser auf dem Lande waren vielfach aus Lehm gebaute Einraumhäuser. Nur die Glücklichsten hatten fliessendes Wasser im Garten, andere holten das Nass im Fluss oder in einem weit entfernten Ziehbrunnen. Sanitäre Einrichtungen fehlten meist, man verrichtete sein Geschäft im Freien. Dank einer Uebersetzerin, sie verdiente fünf Franken pro Stunde, erfuhren die beiden Schweizer mehr über das Land samt seinen Strukturen und den Bedürfnissen der Leute. "Landschaftlich ein wundervolles Land, das aber noch weit zurückliegt, und wo auch heute noch viel geholfen und aufgebaut werden kann", sagt Hermann Rauber. Für ihn stand fest: "Das ist nicht meine letzte Fahrt!"
150 Kinder ohne WC und Wasser
Ein ehemaliger Berufskollege erfuhr von seinem Einsatz in Rumänien. Das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen habe eine Patenschaft von Kinderheimen in Bukarest und Umgebung übernommen. Es gelte nun, die misslichen sanitären Einrichtungen dieser Institutionen mit jeweils 200 Kindern im Alter von 4 bis 18 Jahren zu erneuern, erzählte der Kollege. Das sei doch eine Aufgabe für einen ehemaligen Geschäftsinhaber einer Sanitärfirma. Hermann Rauber sagte spontan zu.Das erste Problem bestand darin, geeignete Partner zu finden. Zusammen mit dem schweizerischen Spenglermeister- und Installateurverband ergab sich die Idee, alle Mitglieder des Verbandes anzufragen, ob sie bereit wären, Lehrlinge für 14 Tage frei zu stellen. Spontan meldeten sich 60 Lehrmeister, und so flog Hermann Rauber am 12. August 1991 erstmals mit vierzehn aus der ganzen Schweiz stammenden Lehrlingen nach Rumänien.
Hermann Rauber, kritisch und vorausschauend. Denkt er an neue Projekte oder an seinen nächsten Transport?
In einem Heim für 150 Kinder und Jugendliche, 50 km südlich Bukarest, funktionierte kein WC mehr, und es fehlte der Wasseranschluss. Mit wenig Begeisterung bezogen die Lehrlinge aus der Schweiz am Ende des Reisetages die für sie hergerichteten zwei Zimmer des Heimes. Das Nachtessen bestand aus Linsenmus und einem Glas Wasser.
Für die Arbeit waren Kreativität und Einsatz gefragt. In Zweiergruppen wurde installiert, Wasser ins Haus gezogen, ein Wasch- und Duschgelegenheit provisorisch aus Gartenschlauch und Giesskannenbrause erstellt. Unter Mithilfe der Kinder wurden alle alten Installationen im Haus abgebrochen und neu gezogen. Eine aus der Schweiz mitgeführte Grundwasserpumpe lieferte bald frisches Wasser ins Gebäude. Werkzeuge und Installationsmaterial wurden aus der Schweiz mitgeführt, denn in Rumänien war davon nichts vorhanden.
Hermann Rauber erinnert sich: "Der Einsatz der Lehrlinge war riesig. Ein Lehrmeister fragte mich nach der Rückkehr, was ich mit seinem Lehrling gemacht habe, er sei wie ein umgedrehter Handschuh." Auf die Frage eines Teilnehmers, wann es endlich einmal Dessert gebe, meinte Hermann: "Nach der Rückkehr in die Schweiz." Im Dorf existierte ein Laden. Lebensmittel waren kaum zu haben, dafür Coca und Bier aus Büchsen wie überall auf der Welt. Zwei Biere pro Tag waren den jungen Männern erlaubt. Der Ladeninhaber war Dank der Einkäufe der Schweizer fürs ganze Jahr saniert und dankte es ihnen, indem er sie am Ende ihres Aufenthalts auf den Flughafen begleitete.
In vierzehn Tagen konnten sechs WC-Anlagen, fünf Waschtröge und vier Tuschen zum Gebrauch übergeben werden. Etliche Lehrlinge kehrten zudem mit leerem Koffer nach Hause, weil sie alles den Jugendlichen im Heim geschenkt hatten.
Fünfmal noch flog Hermann Rauber mit insgesamt 70 Lehrlingen nach Rumänien, bis in den Kinderheimen alle Installationen neu erstellt waren.
Mehr als 800 Tonnen Hilfsgüter

Jährlich unternimmt Hermann Rauber etwa sechs Transporte. Bis heute waren es rund 80 Fahrten mit mehr als 800 Tonnen Hilfsgütern. "Osteuropamission" steht auf Raubers Lastenzug, denn diese Organisation stellt alle Papiere für die Fahrten bereit. Immer ein Vergnügen seien die Reisen nicht, lacht ein Helfer. Obwohl die Lastwagen von der Schweizer Zollbehörde plombiert sind, alle nötigen Papiere vorliegen, die ständig wechselnden Vorschriften befolgt werden, können am rumänischen Zoll Wartezeiten bis zu achtzehn Stunden entstehen.
In der Scheune von Eugen Pfenninger warten Kisten und Schachteln auf den Abtransport nach Rumänien.
Hermann und seine Begleiter, davon einige aus Uetikon, nehmen es mit Gleichmut, denn sie wissen, dass sie am Bestimmungsort mit offenen Armen empfangen werden.
Immer wieder gilt es auch, sich den neuen Situationen anzupassen. Lebensmittel und Baumaterialien werden heute im Land eingekauft und nicht mehr mitgeführt. Arbeitskräfte organisiert man sich im Lande selbst, denn die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch. Wohl ist die Versorgungslage heute gut, doch können sich die meisten Menschen kaum etwas leisten. Ihr Einkommen liegt bei etwa 200 Franken im Monat.
Die Hilfsgüter, inzwischen kommen Schulmöbel und Spitalbetten dazu, dürfen nicht wahllos verteilt werden. Organisationen im Land, wie zum Beispiel jene einer Arztfrau in Ruscova, übernehmen die Verantwortung und machen zugleich auf neue mögliche Hilfestellungen aufmerksam.
In seiner dreizehnjährigen Hilfstätigkeit hat Hermann Rauber Kinderheime erweitert, Pavillons dazu erstellt, Dachstöcke ausgebaut und Bauernhöfe gekauft, um die Versorgung der Kinder im benachbarten Heim mit Gemüse und Milch versorgen zu können, und es wurden Häuser abgebrochen und an einem andern Ort wieder aufgestellt, um menschenwürdigen Wohnraum zu schaffen. In Ruscova installierte Rauber im Spital eine neue Zentralheizung. Im gleichen Dorf erhielten der Arzt, der 15'000 Menschen versorgt, neue Praxisräume. Dank Spendengeldern konnte ihm eine Occasion eines Opel Frontera überreicht werden, denn die Winter sind in den Karpaten kalt und schneereich.
Hermann Raubers Organisation funktioniert ohne Statuten und Reglemente, aber mit minutiöser Abrechnung. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser, lautet seine Maxime. Erinspiziert seine Projekte vielfach unangemeldet und vergewissert sich, dass alles nach seiner Idee abläuft.
Blick in die Zukunft
Hermann Rauber strahlt beim Erzählen. Noch viele Projekte trägt er mit sich herum. Nachdem die Weihnachtspäckliaktion ein Riesenerfolg ist, möchte er auch den Tourismus in Rumänien ankurbeln, um so den Leuten neue Verdienstmöglichkeiten zu schaffen. Eine alte Dampfbahn möchte er wieder in Schwung bringen, dazu einfache Uebernachtungsmöglichkeiten in Form von kleinen Blockhütten bereitstellen und vieles mehr. Eines ist sich, Hermann Rauber ist erfüllt und beseelt von seinem Auftrag.Richi Reich
